Wie viele Schauspieler bin ich während meiner
Ausbildung mit dem Fach "Bühnenfechten" in Berührung gekommen und
sehr schnell wandelte sich meine anfängliche Skepsis gegenüber dem veralteten,
"konservativen" Theaterlehrfach in wahre Begeisterung. Wer hat nicht
als Junge davon geträumt, wie Eroll Flynn kämpfend über ein Piratenschiff zu
stürmen oder wie Zorro die Bösewichte mit dem Degen in der Hand zu stellen.
Später habe ich in meinen Kursen festgestellt, daß auch Mädchen mit Begeisterung
die Klinge schwingen können. Doch warum Fechten in der Schauspielausbildung?
Die Liste der Fechtszenen im Theater ist nicht sehr lang und im Film ist Fechten
oft ein Job für Stuntmen. Die Chance, als Schauspieler eine Fechtszene zu spielen,
ist relativ gering und für Frauen fast null. Trotzdem, lassen wir einmal die
spektakuläre Seite außer Acht, so werden wir feststellen, daß diese "Kunst"
in der Ausbildung der Schauspieler einen hohen Stellenwert hat. Ersetzen wir
die Begriffe "Bühnenfechten" und "Theaterfechten" durch
"szenisches Fechten", da diese Technik auf der Bühne und in ähnlicher
Form im Film Anwendung findet und dieser Begriff weit mehr die schauspielerische
Seite dieser Fechtart betont.
Genau betrachtet ist Fechten
eine Dialogsform, ein Dialog zwischen zwei Partnern mit der Waffe in der
Hand. Und somit gelten die gleichen Regeln wie bei der Textarbeit. Ein Duell setzt sich
wie ein Text aus Sätzen zusammen. So wie ich die Sprache im Text moduliere, moduliere ich
die Aktion im Gefecht.
Beide Dialogspartner arbeiten
zusammen, der Eine ist offen für die Schwächen und Stärken des Anderen. Daraus ergibt
sich ein Rhythmus, wie bei jedem szenischen Spiel. Dieser Spielrhythmus,
der durch die Interaktion der Schauspieler entsteht, bestimmt im wesentlichen das
Interesse, welches der Zuschauer ihrer Spielszene entgegen bringt.
Das A und O für den
Schauspieler ist das Erlernen und Behalten von Texten. Ein gutes Textgedächtnis ist sehr
wichtig. Im Unterschied dazu haben Tänzer normalerweise ein sehr gutes
Bewegungsgedächtnis. Heute wird vom Schauspieler immer häufiger verlangt, neben dem Text
auch kompliziertere Bewegungsabläufe zu lernen, was viele vor schier unlösbare Probleme
stellt. Beim szenischen Fechten erlernt der Schauspieler Bewegungsabläufe und
Choreographien, denn Fechtszenen sind bis ins kleinste Detail geregelt. Da er mit einer
"Waffe" arbeitet, die häufig nur bestimmte Bewegungen zuläßt, ist das
Behalten von Choreographien leichter. Das Bewegungsgedächtnis wird
geschult.
Richtige Fechtszenen erobern
regelrecht die Bühne. Eine Fechtchoreographie wird nicht nur für eine Geschichte, deren
Akteure, sondern auch für einen Bühnenraum geschaffen. Der Schauspieler bewegt sich im
Bezug zu seiner Rolle, seiner Aktion und dem Publikum auf der Bühne. Das Fechten
vermittelt ihm eine Raumerfahrung, da er sich zu jedem Zeitpunkt bewußt
sein muß, wo genau auf der Bühne er sich befindet.
Es ist klar, Degen oder Schwert
dienten ursprünglich dazu, einen Gegner kampfunfähig zu machen oder zu töten.
Die beim Theater oder beim Film verwendeten Waffen sind oft orginalgetreue Kopien
und besitzen die gefährlichen Eigenschaften der Originale. Kopie oder Original,
eine Waffe ist immer gefährlich. Bei der Arbeit mit Blankwaffen wird der Schauspieler
mit nicht alltäglichen Gefühlen konfrontiert. Da ist Angst! Angst vor dem Partner,
den man nicht kennt, mit dem man noch nie gearbeitet hat und von dem man nicht
weiß, ob er einem das spitze Ding nicht aus Versehen zwischen die Rippen schiebt
und die Angst, selbst den Partner zu verletzen. Unsicherheit und Zweifel am
eigenen Können erhöhen das Risiko.
Wie bei der Textarbeit ist die Technik ein Mittel, Angst zu kontrollieren und sie gezielt für die Szenenarbeit einzusetzen. Um
eine fremde Sprache zu sprechen, muß ich Vokabeln und Grammatik lernen. Das Gleiche gilt
fürs Fechten. Kennt der Schauspieler die Grammatik und die Vokabeln des Fechtens, kann er
daraus Sätze und Choreographien konstruieren. Die Arbeit mit einer Waffe birgt ein
Verletzungsrisiko für ihn und seinen Partner. Beherrscht der Schauspieler die Handhabung
der Waffe, ist er sich seinen Bewegungen und Gefühlen bewußt, er wird präzise in seiner
Arbeit. Damit erhöht sich seine Sicherheit und die seines Partners und
die Wirksamkeit seiner Rolle. Eine Fechtszene muß hundert mal wiederholbar sein, genau
wie jede normale Theaterszene.
Fechten verlangt vom Schauspieler einen
körperlichen Einsatz und ist nicht zuletzt auch Sport. Beim szenischem Fechten, das dem
historischen Duellfechten sehr nahe kommt, finden wir viele Parallelen zu den asiatischen
Kampfsportarten. Ein regelmäßiges Training erhöht die physische Kondition,
steigert die Reflexe, die Flexibilität und, um ein leicht
verpöntes Wort zu verwenden, die Disziplin, Eigenschaften, die im
heutigen Schauspielerberuf sehr wichtig sind.
Nun werden viele sagen, wenn
szenisches Fechten so wichtig ist für die Ausbildung, warum streichen dann viele
Schauspielschulen Fechten aus dem Ausbildungsplan! Ich nehme an, daß die Situation in
Deutschland ähnlich ist wie in Frankreich, wo ich seit zehn Jahren lebe und arbeite. Es
fehlt an für szenisches Fechten ausgebildeten Fechtlehrern.
Genau
wie Schlägerfechten stellt szenisches Fechten eine eigene Fechtart dar. Der
Fechtlehrer muß nicht nur die drei Grundwaffen Florett, Degen und Säbel beherrschen
und vermitteln können, er muß auch in der Lage sein, den Schüler an so ausgefallene
Waffen wie Kurzdegen und Rapier, Bidhänder-Schwert und Streitaxt oder "Epée
de Cour" (Ein im 18.Jhd am franz. Hof getragener leichter Degen mit verkürzter
Klinge) heranführen zu können.
Selbstverständlich darf ich
einen Schauspieler nicht wie einen Sportfechter ausbilden. Schnell ein paar Unterschiede
zur Technik:
- Während der Sportfechter sich
auf einer Bahn befindet, bewegt sich der Schauspieler in einem Raum, häufig mit anderen
Schauspielern.
- Der Wettkämpfer versucht
seinen Gegner zu treffen, der Schauspieler versucht es zu vermeiden.
- Der Degen ist im Wettkampf
eine reine Stoßwaffe. Auf der Bühne wird der Degen schon aus Sicherheitsgründen mehr
zur Hiebwaffe.
Die Liste der Unterschiede
läßt sich beliebig verlängern. Hinzu kommt, daß ich als Fechtlehrer für szenisches
Fechten auch wissen muß, was eine Szene ist. Wie bewege ich mich auf einer Bühne oder
vor einer Kamera? Welche Aktionen sind publikumswirksam und warum? Wie integriere ich
einen Text in eine Fechtszene und umgekehrt? Kurz gesagt, eine schauspielerische
Grundausbildung ist genau so wichtig wie eine fechterische!
Als letzten Punkt möchte ich
angeben, daß historische Grundkenntnisse ebenfalls zum Handgepäck eines
Fechtlehrers für Bühne und Film gehören sollten. Welche Waffen oder welcher Fechtstil
zu welcher Epoche ist ein Thema, zu dem man sehr viel schreiben kann. Das Romeo sich in
einer klassischen Inszenierung in der modernen Fechtgrundstellung aufstellt, kann sehr
störend sein. Nun ja, manchmal will der Regisseur es so.
Aus dieser kurzen Abhandlung
läßt sich ersehen, daß szenisches Fechten die schauspielerische Ausbildung in vielen
Punkten ergänzt. Dialog, Rhythmus, Gedächtnis, Raumerfahrung, Gefühle, Disziplin sind
für den Schauspieler sehr wichtig. Szenische Fechten bietet dem Schauspieler die
Möglichkeit, Basisarbeit und Grundlagen des Theaters mit anderen Mitteln zu erlernen und
zu erfahren. Leider gibt es keine gezielte Ausbildung für szenisches Fechten. Die für
Sportfechten ausgebildeten Lehrer haben oft große Schwierigkeiten, den Anforderungen der
Schauspielschulen gerecht zu werden. So verschwindet Fechten immer mehr von den
Ausbildungsplänen und wird häufig durch asiatische Kampfsportarten ersetzt. Genau wie
beim Breitensport verliert das Fechten an Terrain.
En garde, chers maîtres, c'est
fin de piste. Noch einen Schritt zurück und wir sind aus der Bahn.

Nachtrag:
Dieser Beitrag ist ein Diskusionspapier. Ich
würde mich freuen, wenn andere Fechterinnen und Fechter mir ihre Erfahrungen in
szenischem Fechten (Theaterfechten) mitteilen würden.
michael.m.hewer@jeuxdepees.fr
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